Was ist eine suizidale Krise?
Dieses Audio fasst den Hintergrund dieser Seite zusammen – der Text darunter geht weiter ins Detail.
Meine suizidale Krise
(eine innere Ausnahmesituation – kein Lebensplan)
Ein persönlicher Hintergrund
Im Jahr 1981 befand ich mich in einer suizidalen Krise.
Nicht, weil ich sterben wollte.
Sondern weil ich in einem inneren Zustand war, in dem kein Ausweg mehr sichtbar erschien.
Mit 20 Jahren veränderte sich mein Leben von einem Moment auf den anderen.
Nach einem schweren Verkehrsunfall und einer Reanimation lag ich zwei Monate im Wachkoma.
Als ich erwachte, war mein Körper spastisch gelähmt – mit gebrochenem Genick, schwerem Schädel-Hirn-Trauma und einer Prognose, die laut Medizin kaum Hoffnung ließ.
Was lange Zeit weder mir noch anderen wirklich klar war, war der innere Zustand, der diesem Unfall vorausging.
Was ist eine suizidale Krise?
Eine suizidale Krise ist kein Wunsch nach dem Tod.
Sie ist ein innerer Ausnahmezustand.
Ein Zustand, in dem ein Mensch keinen Ausweg mehr sieht und glaubt, nur durch Selbstzerstörung inneren Schmerz beenden oder Ruhe finden zu können.
Entscheidend ist dabei nicht das äußere Ereignis selbst, sondern die innere Verarbeitung.
In einer suizidalen Krise verliert ein Mensch vorübergehend:
-
den Zugang zu konstruktiven Lösungen
-
die Fähigkeit, um Hilfe zu bitten
-
das Gefühl von Zukunft und Perspektive
Die Krise wird nicht als Wendepunkt erlebt, sondern als Sackgasse.
Akute Entstehung – kein langer Vorlauf
In meinem Fall entwickelte sich diese suizidale Krise nicht über Jahre hinweg.
Sie entstand akut – innerhalb eines Wochenendes.
Eine Situation eskalierte.
Eigene Verhaltensweisen verstärkten sich gegenseitig.
Hinzu kam eine soziale Dynamik aus Kränkung, Überforderung und dem Gefühl, von anderen bewertet oder abgelehnt zu werden.
Rückblickend erkenne ich heute, dass auch Neid, Projektionen und Spannungen im Umfeld eine Rolle gespielt haben.
Entscheidend ist jedoch:
Die Krise war kein langfristig geplanter Zustand.
Sie war ein plötzliches inneres Kippen – ein Moment, in dem innere Stabilität verloren ging und kein Ausweg mehr sichtbar erschien.
Warum nicht jede Krise suizidal wird
Krisen gehören zum Leben.
Viele Menschen wachsen an schweren Schicksalsschlägen und entwickeln daran neue Stärke.
Eine suizidale Krise unterscheidet sich davon grundlegend:
Sie ist kein Maß für die objektive Schwere einer Situation, sondern Ausdruck eines inneren Ausnahmezustands.
Nicht die Realität ist zu groß – sondern die innere Belastbarkeit vorübergehend zu klein.
Die suizidale Krise als innerer Zustand
Rückblickend weiß ich heute:
Die suizidale Krise ist in erster Linie ein innerseelisches Geschehen.
Sie entsteht, wenn:
-
Selbstwert erschüttert ist
-
Identität ins Wanken gerät
-
innere Konflikte nicht mehr regulierbar sind
In diesem Zustand wirkt die Welt feindlich, ungerecht oder sinnlos – nicht, weil sie es ist, sondern weil der innere Halt fehlt.
Der narzisstische Absturz
In manchen Lebensphasen entwickeln Menschen ein starkes Selbstbild, das sie nach außen aufrechterhalten müssen.
Nicht aus Überheblichkeit, sondern aus innerer Not.
Dieses Selbstbild gibt Halt, Identität und Würde.
Es schützt vor alten Gefühlen von Minderwertigkeit, Ohnmacht oder Ablehnung.
Wenn dieses Selbstbild jedoch plötzlich zusammenbricht – durch Zurückweisung, Scheitern, Verlust oder eine massive soziale Kränkung – kann dies innerlich wie ein Absturz erlebt werden.
Nicht nur das Bild zerbricht.
Sondern das Gefühl, überhaupt noch jemand zu sein.
Hinzu kommt oft das Erleben, von anderen beobachtet, bewertet oder abgewertet zu werden.
Neid, Missgunst oder offene Ablehnung treffen dann auf eine ohnehin erschütterte innere Stabilität.
In diesem Zustand entsteht das Gefühl, sein Gesicht zu verlieren und keinen Ort mehr zu haben, an dem man sich zeigen darf, wie man wirklich ist.
Die suizidale Krise entsteht hier nicht aus Größenwahn, sondern aus einem Zusammenbruch des Selbstwertes.
Der Gedanke an Selbstschädigung erscheint dann nicht als Wunsch zu sterben, sondern als verzweifelter Versuch, einer als unerträglich erlebten inneren Situation zu entkommen.
Warum ich darüber schreibe
Ich schreibe darüber nicht, um zu schockieren.
Und nicht, um in der Vergangenheit zu leben.
Ich schreibe darüber, weil viele Menschen solche inneren Zustände erleben – oft still, oft unerkannt.
Und weil es entlastend sein kann zu verstehen:
Eine suizidale Krise ist kein Charakterfehler.
Sie ist ein Zustand.
Und Zustände können sich verändern.
Ein wichtiger Hinweis
Diese Seite dient der Aufklärung.
Sie ersetzt keine persönliche Hilfe.
Wenn dich diese Inhalte belasten oder du dich selbst in einer Krise befindest:
Bitte hol dir Unterstützung.
Sprich mit einem Menschen deines Vertrauens oder wende dich an eine professionelle Stelle.
Du musst da nicht alleine durch.
Es gibt immer einen anderen Weg.
🆘 Telefonseelsorge (24/7, kostenlos, vertraulich):
• 0800 / 111 0 111
• 0800 / 111 0 222
www.telefonseelsorge.de (auch Chat und Mail-Beratung)
Persönliche Anmerkung
Heute, viele Jahrzehnte später, weiß ich:
Meine suizidale Krise war kein Ausdruck persönlicher Schwäche.
Sie war ein innerer Ausnahmezustand.
Dass ich heute darüber sprechen kann, ist kein Rückblick aus Schmerz – sondern Ausdruck von Klarheit, Lebenserfahrung und innerer Stabilität.
Und vor allem:
Sie zeigt nicht, dass Suizid eine Lösung ist – sondern dass Leben danach möglich, wertvoll und schön sein kann.
