Persönlicher Hintergrund · Oliver Range

Meine suizidale Krise – was ich erst später verstanden habe

Lange wusste ich selbst nicht, wie ich das Geschehen von 1981 verstehen sollte. Erst 2021 erkannte ich den Zusammenhang mit einer suizidalen Krise vollständig.

Ich schreibe darüber, weil ein Urteil von außen schnell gefällt ist. Zu verstehen, was ein Mensch in einer solchen Situation erlebt, braucht mehr als die Frage: „Wie kann man nur so blöd sein?“

Diese Seite verbindet meine persönliche Rückschau mit allgemeinen Informationen. Sie ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.

Meine persönliche Rückschau

Was damals mit mir geschah

Am Pfingstwochenende 1981 geriet ich in eine schwere Krise. Aus heutiger Sicht erkenne ich, wie Kränkung, Konflikte, Alkohol und mein damaliges Selbstbild zusammenwirkten. Im Verlauf dieses Wochenendes spitzte sich die Situation zu.

Für mich erschien kein Ausweg mehr sichtbar. Das beschreibt meine damalige Wahrnehmung. Es bedeutet nicht, dass tatsächlich keine anderen Möglichkeiten vorhanden waren.

Am 8. Juni 1981 kam es zu dem schweren Verkehrsgeschehen, das mein Leben veränderte. Heute verstehe ich mein damaliges Handeln als suizidale Handlung. Nach der Reanimation lag ich ungefähr zwei Monate im Wachkoma.

Mein Erwachen bestand aus Bruchstücken und Dingen, die mir andere später erzählten. Das Verständnis für die Krise, die dem Geschehen vorausgegangen war, kam erst viel später.

Ich beschreibe hier meine heutige Einordnung meiner Geschichte. Eine nachträgliche psychiatrische Diagnose leite ich daraus nicht ab.

Verstehen heißt nicht, die Folgen kleinzureden

Die suizidale Handlung war meine Handlung. Ich schiebe die Verantwortung dafür nicht auf andere Menschen. Gleichzeitig gehört zu einer ehrlichen Rückschau, den damaligen Krisenzustand zu benennen.

Ich kann heute darüber sprechen, weil ich verstehen möchte, was geschehen ist. Und weil dieses Verständnis vielleicht einem anderen Menschen hilft, seine Not auszusprechen und Unterstützung anzunehmen.

Allgemeine Informationen

Was ist eine suizidale Krise?

Gemeint ist eine Krise, in der Gedanken daran entstehen, sich das Leben zu nehmen, oder entsprechende Handlungen drohen. Sie muss ernst genommen werden.

Eine solche Krise kann mit Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und dem Gefühl verbunden sein, in einer ausweglosen Situation zu stecken. Der Blick auf mögliche Lösungen kann sich stark verengen.

Das ist kein Beweis für Dummheit oder einen schlechten Charakter. Es ist ein Anlass, Unterstützung zu holen. Suizidgedanken können sich verändern; professionelle Hilfe kann zur Entlastung und Behandlung beitragen.

Wenn nur noch ein Ausweg vorstellbar erscheint

Was Außenstehende als mögliche Lösung erkennen, kann für den betroffenen Menschen in diesem Moment unerreichbar wirken. Diese wahrgenommene Ausweglosigkeit ist ein ernstes Warnsignal.

Nicht jede Krise verläuft gleich

Manche Menschen wünschen vor allem, dass ihr Leiden endet; andere haben einen konkreten Todeswunsch. Beides kann mit ernster Gefahr verbunden sein. Eine individuelle fachliche Einschätzung ist wichtig.

Weiterführende Informationen: Stiftung Deutsche Depressionshilfe – Suizidalität.

Wie ich mein damaliges Selbstbild heute sehe

Ich war ein lebensfroher junger Mann, spielte Gitarre und genoss Aufmerksamkeit. Gleichzeitig hing mein Wohlbefinden stark davon ab, wie andere mich sahen. Alkohol spielte dabei eine zunehmend belastende Rolle.

Heute deute ich das Pfingstwochenende als einen Zusammenbruch dieses auf äußere Bestätigung gestützten Selbstbildes. Das ist mein persönliches Erklärungsmodell. Es erklärt nicht jede suizidale Krise und ist keine Diagnose einer Persönlichkeitsstörung.

Mein Leben davor bestand nicht nur aus Unsicherheit oder Krise. Auch Begabung, Humor und Lebensfreude gehörten zu mir. Gerade deshalb möchte ich genauer hinschauen, statt mein damaliges Leben mit einem einzigen Urteil abzutun.

Wenn Du Dir um jemanden Sorgen machst

Nimm Äußerungen über Suizid oder Ausweglosigkeit ernst. Höre zu und sprich Deine Sorge offen an. Vorwürfe und vorschnelle Aufmunterungen helfen meist wenig.

  • Frage direkt und ruhig, ob die Person daran denkt, sich das Leben zu nehmen.
  • Unterstütze sie dabei, professionelle Hilfe zu erreichen.
  • Bei unmittelbarer Gefahr: Lass sie möglichst nicht allein und rufe 112.

Mehr dazu: Informationen für Betroffene und Angehörige.

Warum ich darüber schreibe

Ich wusste selbst lange nicht, was eine suizidale Krise ist. Deshalb möchte ich das Thema verständlich machen. Vielleicht erkennt jemand in einer scheinbar ausweglosen Situation, dass er Hilfe braucht und seine Gedanken aussprechen darf.

Dass ich überlebt habe und heute ein erfülltes Leben führe, macht die damalige Handlung nicht zu einem richtigen oder notwendigen Schritt. Mein heutiges Leben ist kein Argument dafür, sich in Gefahr zu bringen.

In meinen Büchern beschreibe ich meine Geschichte ausführlicher. Auf dieser Seite möchte ich vor allem Verständnis schaffen.

Hilfe in einer aktuellen Krise

Wenn Du befürchtest, Dir etwas anzutun, hole jetzt Unterstützung. Du musst nicht erst die richtigen Worte finden. Sage möglichst direkt, dass Du Suizidgedanken hast.

Bei unmittelbarer Gefahr

Rufe 112 oder gehe in eine psychiatrische Notaufnahme. Bitte nach Möglichkeit eine vertraute Person, bei Dir zu bleiben und Dich zu unterstützen.

TelefonSeelsorge

Rund um die Uhr, kostenlos und anonym erreichbar.

Die Notrufnummer 112 gilt in Deutschland und der EU. Außerhalb dieser Region nutze die örtliche Notrufnummer. Diese Website bietet keine akute Krisenversorgung.